Arda Fanfiction

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Winterkälte

von Luminella

Eine Waldläufergeschichte

»Einigemal warf Ange den Blick aus dem Fenster und ließ die schon halb unter dem Dämmerlicht verblassenden Dinge an sich vorüberziehen. Ein unruhiges, stürmisches Wetter mit Schneetreiben war aufgekommen und legte seine Himmelsflocken dicht und erbarmungslos auf die Landschaft ringsum.«

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau, 1886

Der Waldläufer kämpfte sich mühsam durch den tobenden Schneesturm, der stetig stärker zu werden schien. Der eisige Wind biss ihm ins Gesicht, der feine, schneidende Schnee peitschte ihm in die Augen und machte es fast unmöglich, den Weg zu erkennen. Die Bäume eines kleinen Forstes, den er auf seiner Reise durchquerte, waren nur noch schemenhaft zu sehen, ihre knorrigen Äste bogen sich ächzend unter der Last des Schnees, und in der Ferne hörte er nur das Heulen des Windes.

Der Wald, der einst ein grünes Paradies war, war nun ein düsterer Ort. Der Boden war vollständig unter einer dicken Schneedecke verborgen, und jede noch so kleine Bewegung hinterließ eine Spur im frischen Pulverschnee. Als Waldläufer war er auf die Geräusche der Natur angewiesen, um sich zu orientieren, aber er hörte nur das Rauschen des tosenden Windes. Der tief hängende Himmel war in ein kaltes Grau gehüllt, nur hin und wieder blitzten schimmernde Schneeflocken auf, die im Wind wie kleine Sterne durch die Luft wirbelten.

Der Weg durch die Nordhöhen war zu dieser Jahreszeit mühsam, und der Waldläufer kam nur noch in zähen, kleinen Schritten vorwärts. Die Kälte drang unerbittlich durch seine Kleidung, während er sich Nase und Mund mit seinem Schal verdeckte, um sie vor dem Frost zu bewahren. Der Wald lag still, abgesehen vom heulenden Wind, der die Äste der Bäume zu knarren und die Schneemengen in Wellen davontragen ließ.

Er fühlte sich wie ein einsamer Wanderer, der gegen die Natur kämpfte, als der Weg immer steiler wurde und der Sturm ihn noch stärker herausforderte. An manchen Stellen war der Weg völlig zugeschneit, und er musste sich durch meterhohe Schneewehen kämpfen, während die Dunkelheit des Winters über ihn hereinzubrechen schien. Weit und breit sah und hörte er kein Tier, keinen einzigen Vogel.

Sein Ziel, Esteldín, war noch weit entfernt, und er wusste, dass er noch viele Stunden durch diese weiße, endlose Weite wandern musste, bevor er auch nur das kleinste Zeichen von Schutz oder Hilfe finden würde. Doch die Entschlossenheit, die ihn antrieb, ließ ihn nicht innehalten – jeder Schritt war ein Kampf gegen die Natur, aber auch ein Beweis seiner unerschütterlichen Willenskraft.

Nach Stunden in der bitteren Kälte spürte er seine Extremitäten zunehmend weniger. Seine Beine fühlten sich bleiern an, die Stiefel waren durch den anhaftenden Schnee ungewohnt schwer. Sein Mantel und Schal waren inzwischen ganz steif vom Frost, der tief in jeder Faser zu stecken schien.

Inmitten des tobenden Schneesturms, der die Landschaft in ein Meer aus Weiß hüllte, war schließlich entfernt eine kleine Hütte auszumachen. Der schneidende Wind ließ den Schnee in dichten Flocken wirbeln, sodass selbst der kleine Hein um sie herum beinahe unsichtbar wurde. Die Hütte stand allein auf einer kleinen Anhöhe, nur von der dunklen Silhouette des Heins umgeben. Ihre Holzfassade war von einer dicken Schicht aus Schnee bedeckt, die schimmernd und glatt wie eine Eisschicht wirkte. Die Dachschindeln waren fast gänzlich unter dem Gewicht des Schnees verborgen, und das Dach selbst sah aus, als könne es jeden Moment unter der weißen Last zusammenbrechen.

Als der Waldläufer sich tapfer weiter durch den Schneesturm kämpfte, angetrieben von der Hoffnung auf ein wärmendes Kaminfeuer und eine sichere Unterkunft für die Nacht, konnte er ein schwaches, flackerndes Kerzenlicht durch ein einziges Fenster an der Vorderseite der Hütte schimmern sehen. Es war kaum mehr als ein zartes Leuchten in der Dunkelheit, als würde es ebenfalls gegen das ständige Toben des Sturms und das unaufhörliche Weiß ankämpfen. Das Licht zeichnete schwache, unregelmäßige Schatten an die Wände des Raums, der hinter dem Fenster verborgen lag, und ließ das Bild einer stillen, abgeschiedenen Welt entstehen.

Die Hütte selbst schien von der Zeit gezeichnet. Ihr windschiefer Schornstein stieß dünne Schwaden aus grauem Rauch in den strengen Winterhimmel, aber auch dieser wurde schnell vom Wind verweht. Die Fenster waren teils mit dicken Schichten aus Schnee bedeckt, die es fast unmöglich machten, mehr von der Innenwelt zu erahnen. Nur das schwache Kerzenlicht verriet, dass hier jemand Zuhause war, dass der Raum noch lebte, trotz der Kälte und der Schneemassen, die die Welt draußen erdrückten.

Die Hütte schien wie ein verstecktes Geheimnis im Sturm, ein willkommener Zufluchtsort, der im flimmernden Licht des Fensters beinahe wie ein Traum wirkte, der von der Kälte des Winters und dem Wind nur hauchdünn geschützt wurde.

Mit letzter Kraft, wie er glaubte, klopfte der Waldläufer an die Holztür und wartete angespannt auf eine Reaktion. Jemand lebte hier, daran bestand für ihn kein Zweifel, aber als ihm niemand die Tür öffnete, überkam ihn ein ungutes Gefühl. Schlotternd und mit klappernden Zähnen trat er von der Türschwelle hinüber zu dem kleinen Fenster, durch das er den Kerzenschimmer sehen konnte. Das Fenster ließ nur erahnen, dass in dem Raum dahinter jemand zusammengekauert auf einer Bettstatt lag und sich nicht regte. Es war jedoch erst später Nachmittag, noch keine Schlafenszeit, daher klopfte er erneut, diesmal beherzter, an die Tür. Als ihm trotzdem nicht geöffnet wurde, fasste er sich ein Herz und ließ sich selbst ein.

„Verzeiht mein Eindringen“, kam es über seine blauen Lippen, als er die Hütte betrat und schnell die Tür hinter sich zuschob, ehe ihm die Eiseskälte hinein folgen konnte. „Ich suche eine Unterkunft für die Nacht.“ Niemand rührte sich. Die Person, die zusammengekauert und mit dem Rücken zu ihm auf der Bettstatt lag, wirkte leblos. Zögerlich trat der Waldläufer näher. Der Schnee auf seiner Kleidung begann bereits zu schmelzen, auch wenn das Feuer im Kamin beinahe erloschen war. „Verzeihung“, ließ er sich erneut vernehmen, trat an die Bettstatt heran und berührte die Person vorsichtig an der Schulter. Erst jetzt regte sie sich leicht, gab ein jämmerliches Geräusch von sich, blieb jedoch von ihm abgewandt liegen. Die Person war eine junge Frau, wie er bei genauer Betrachtung feststellte, die Wangen stark gerötet, ein leichter Schweißfilm auf der Stirn. Da es nicht allzu warm in der Hütte war, wenn gleich wesentlich angenehmer als draußen, kam er sofort zu dem Schluss, dass die junge Frau unter einem Fieber litt.

Zum Glück für sie war er ein Heilkundiger und wusste, wie er ihre Beschwerden würde lindern können. Rasch entledigte er sich seiner durchfeuchteten Kleidung und hängte alles in der Nähe des Kamins auf. Dann legte er einige Holzscheite auf die Feuerstelle, ehe sie ausgehen konnte und schon bald loderte wieder ein knisterndes Feuer im Kamin, das angenehme Wärme verbreitete. Dann begann er damit sich um die junge Frau zu kümmern, die durch das starke Fieber bewusstlos war. Zunächst befreite er sie von der dicken Kleidung, die sie trug und die ganz feucht vom Schweiß war. In einem kleinen Kleiderschrank fand er Leinenkleider, von denen er ihr eines überzog. Anschließend machte er der jungen Frau Wadenwickel und legte auch ein kühles, feuchtes Tuch auf ihre Stirn. Er deckte sie nur leicht wieder zu, um die natürliche Regelung der Körpertemperatur nicht zu stören.

Obwohl der Waldläufer selbst vollkommen entkräftet war, galt seine gesamte Aufmerksamkeit der jungen Frau. Immerhin bot ihre Hütte ihm Schutz vor der Witterung. Sich um sie zu kümmern war das Mindeste, was er zum Dank tun konnte. In einem Regal, das auch schon mal bessere Tage gesehen hatte, fand er reichlich eingemachtes Obst. Über der Kochstelle hingen neben Töpfen bundweise Zwiebeln, Knoblauch und allerhand Kräuter. Und so bediente er sich und setzte einen Kräutertee auf, der ihm selbst mindestens genauso gut tun würde, wie der jungen Frau. Sie brauchte jetzt viel Flüssigkeit, um das Fieber zu überstehen.

Während er in der Hütte geschäftig hin und her ging, bemerkte er an einer Stelle ein Knarzen, das seine Aufmerksamkeit erweckte. Als er sich die Holzdielen des Boden genauer ansah, erkannte er eine Tür in selbigem, nicht größer als einen Quadratmeter. Neugierig öffnete er sie und fand unter der Hütte einen Keller. „Unglaublich“, sagte er zu sich selbst. Er holte eine Kerze und stieg eine kurze Leiter hinab in den Keller. Dort wurde er von einem Vorratslager empfangen, das er nicht erwartet hatte. Sorgfältig, in diverse Holzkisten, verstaut fand er Kartoffeln, Kohlköpfe, Möhren, Äpfel, Birnen, abgehangenes und teils geräuchertes Fleisch sowie Fisch und Säcke voller Getreide und allerhand mehr. Genug jedenfalls, um eine mehrköpfige Familie satt durch den Winter zu bringen. Die junge Frau würde es ihm hoffentlich verzeihen, dass er einen schönen Gemüseeintopf aufsetzte, der nicht nur ihre Lebensgeister wieder erwecken würde.

Später am Abend saß er auf einem Schaukelstuhl am Bett der jungen Frau und flößte ihr etwas von dem Gemüseeintopf ein. Nachdem er selbst etwas gegessen hatte, übermannte ihn zunehmend die Müdigkeit. Und so wechselte er noch einmal die Wadenwickel und das Stirntuch, legte einige Holzscheite in den Kamin und begab sich selbst auf dem Boden vor eben diesem zur Nachtruhe.

Als er früh am nächsten Morgen erwachte und nach der jungen Frau sah, ging es ihr sichtbar besser. Das Fieber war über Nacht gesunken. Dennoch wollte er ganz sicher gehen und erneut die Wadenwickel frisch machen. Kaum schlug er die dünne Zudecke zurück, hörte er zum ersten Mal die Stimme der jungen Frau. „Wer seid ihr?“, fragte sie entkräftet und wich zunächst ein Stück zurück. Er deutete lediglich mit einem Nicken auf ihre Unterschenkel und sie begriff, dass er die feuchten Tücher, die darum gewickelt waren, erneuern wollte.

Der Waldläufer entfernte die Wadenwickel und wandte ihr den Blick zu. Er lächelte andeutungsweise und sie entspannte sich spürbar. „Man nennt mich Streicher. Ihr seid einem schweren Fieber anheim gefallen. Ich fand Euch bewusstlos vor.“

„Ihr habt mich geheilt?“, fragte sie erstaunt und versuchte sich aufzusetzen. Es fehlte ihr jedoch noch an Kraft.

„Ihr seid noch nicht ganz genesen, aber auf einem guten Weg. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir mein Eindringen in Euer Heim.“

Nun war es an ihr sanft zu lächeln. „Ihr habt mir vermutlich das Leben gerettet, Streicher. Ihr seid mir sehr willkommen.“

„Soweit würde ich nicht gehen …“

„Meine Eltern sind vor wenigen Wochen an dem Fieber gestorben. Zunächst meine Mutter, kurz darauf mein Vater. Ich konnte sie gerade noch hinter dem Haus begraben, ehe der Winter über das Land hereinbrach“, erklärte sie mit bebender Stimme.

„Mein herzliches Beileid.“ Für einen Moment sah er mit tief empfundenem Mitgefühl an, dann deutete er auf ihre nackten Beine. „Gestattet Ihr mir die Wadenwickel zu erneuern?“

Sie nickte und zwang die Tränen zurück, die ihr den Blick verschleierten. „Selbstverständlich. Habt vielen Dank für Eure Mühe.“

„Verratet Ihr mir noch Euren Namen?“, wollte der Waldläufer wissen.

„Ange“, erwiderte sie sichtlich beschämt, da sie sich bislang nicht vorgestellt hatte.

„Sehr erfreut, Ange.“

Nachdem er die Wadenwickel aufgefrischt hatte, machte er sich daran Tee und Haferbrei fürs Frühstück vorzubereiten. Und während sie gemeinsam speisten, Ange blieb im Bett sitzen und Streicher nahm im Schaukelstuhl vor selbigem Platz, lernten sich die beiden gut kennen. Ange war in diesem Jahr einundzwanzig geworden und schien recht unsicher, ob sie den Hof allein würde weiterführen können. Ihre Eltern hatten bereits in der dritten Generation eine Streuobstwiese und nur wenig Vieh, aber bisher hatte vor allem ihr Vater für die Ernte und den Vertrieb gesorgt, während ihre Mutter sich um den häuslichen Bauerngarten und das Vieh gekümmert hatte. Ange hatte mal hier und mal da ausgeholfen und kannte sich aus, trotzdem war sie ob der vielen Arbeit unsicher.

Streicher bot an noch eine Weile zu bleiben. Solange der Winter Einzug hielt, würde die Reise nach Esteldín ohnehin sehr beschwerlich werden. Und Ange schien sehr froh über sein Angebot zu sein. „Ihr könnt gern im hinteren Zimmer schlafen“, bot sie nun ihrerseits an.

Dass es ein weiteres Zimmer gab, war ihm bisher gar nicht aufgefallen. Sie deutete hinüber zur Küchenzeile. „Dort hinter dem Vorhang ist mein Schlafbereich.“

Neugierig erhob er sich vom Schaukelstuhl und sah hinter den Vorhang, dem er bisher keine Beachtung geschenkt hatte. Dahinter verbarg sich ein bescheidener Raum, ohne Fenster, gerade groß genug für ein Bett, eine kleine Kommode und ein Schubladenschränkchen neben dem Bett. „Ich werde gerne für meine Unterkunft bezahlen. Zwar habe ich nicht viele Münzen bei mir, aber ich kann Euch meine Dienste anbieten.“

Damit war Ange mehr als einverstanden. Sie war froh und dankbar in dieser Zeit nicht allein sein zu müssen und Streicher erwies sich als ausgesprochen geschickter Handwerker. Sie gewöhnte sich schnell an seine Gesellschaft. Das Julfest kam und ging. Streicher arbeitete täglich an der Hütte, um sämtliche notwendigen Reparaturen zu erledigen und Ange bewunderte ihn für sein Geschick und sein umfangreiches Wissen. Er brachte ihr bei, worauf sie zu achten hatte, damit sie allein zurecht käme.

Die Wochen flogen nur so dahin und als der Schnee dann im Januar endlich zu schmelzen begann, musste Streicher sich von Ange verabschieden. Sie flehte ihn an noch zu bleiben, doch er lehnte schweren Herzens ab. Er würde vor dem Sommer wieder vorbeischauen, um nach ihr zu sehen. Aber nun würde er in Esteldín gebraucht werden, wo viele seiner Landsleute lebten und sich vermutlich schon Sorgen um ihn machten, da sie ihn bereits im Dezember erwartet hatten.

„Ich werde Euch vermissen, Streicher. Habt Dank für alles“, sagte Ange unter Tränen.

Sie hatte ihm noch Reiseproviant eingepackt und übergab ihm das kleine Bündel. „Ich habe zu danken. Und ich komme wieder. Gerne kann ich auch dafür sorgen, dass immer mal wieder jemand aus meiner Sippe nach dem Rechten bei Euch schaut, sollte es mich mal wieder in die Ferne ziehen.“

„Jeder Freund von Euch ist auch mein Freund“, versicherte sie ihm.

Streicher wischte ihr eine Träne von der Wange und nahm sie zum Abschied in den Arm. „Gebt gut auf Euch Acht.“ Dann öffnete er die Tür und begab sich auf die Weiterreise. Wenn das Wetter ihm holt war, würde er binnen der nächsten Woche Esteldín erreichen.

Ange lief ums Haus herum, die Arme fröstelnd um den Leib geschlungen, und sah Streicher nach bis er am Horizont verschwunden war. Erst als er hinter einer Hügelkuppe außer Sicht geriet, eilte sie zurück in die warme Stube, die sich ohne Streicher plötzlich seltsam still und einsam anfühlte. Ihr blieb nur die Hoffnung, dass er sein Versprechen halten würde.

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