Thranduil schäumte vor Zorn. Seine Augen funkelten eisig, als er herumwirbelte. „Findet heraus, wer die Kerkerschlüssel gestohlen hat!“
Mit einer unwirschen Geste scheuchte er die beiden Wachen hinaus, die ihm die Flucht der Zwerge gemeldet hatten. Legolas war ihnen gefolgt, ebenso Tauriel. Allerdings war es fraglich, ob sie sie würden einholen können, denn da waren auch noch die Orks.
Thranduil stürmte die Stufen zu seinem Thron hinauf. In seiner Wut verfing er sich dabei in der Schleppe seines Umhanges und mit einem Knurren riss er den Stoff zur Seite, der ihn beinahe zu Fall gebracht hätte.
Er brütete stumm vor sich hin und beruhigte sich nur langsam. Die Zwerge würden zum Erebor weiterziehen, soviel war klar. Stur und unvernünftig wie sie waren, zudem erfasst von der Gier nach Gold und dem Arkenstein, waren sie wohl auch tollkühn genug, den Drachen aufzuscheuchen.
Vielleicht, so überlegte er weiter, würde sie es sogar schaffen, ihn aus dem Berg zu vertreiben. Dann wäre der Weg frei für ihn, endlich zurückzuerhalten, was sein war!
Ja, er würde einfach abwarten, was geschah. Sollten doch die Zwerge seine Arbeit tun. Er würde doch am Ende bekommen, was er wollte.
Ein kaltes Lächeln umspielte seine Lippen, als er sich entspannt zurücklehnte und die Beine übereinander schlug.
Bard schaute den Elbenkönig fassungslos an. Er hatte ihn bisher nur von weitem gesehen, wenn er mit Ware in den Dunkelwald gekommen war. Ein helles Aufschimmern seines weißgoldenen Haares, ein Rascheln seiner an Sternenlicht erinnernden Roben, ein knapper Befehl, das Blitzen seiner wie Dornen anmutenden Krone. Nie jedoch war er ihm gegenüber gestanden oder hatte mit ihm gesprochen.
Und nun saß er dort auf seinem Hirsch und sah auf ihn herab. Die Augen kalt, das Gesicht ohne Regung. Er bot ihnen Nahrung und damit Hoffnung. Aber er verlangte einen hohen Preis.
Seine Worte klangen noch in der kalten Winterluft nach: „Ich bin nicht wegen Euch
gekommen. Ich kam um etwas einzufordern, das mir gehört.“
Thranduil wandte seinen Hirsch ab und verließ den kleinen Platz vor der großen Versammlungshalle, in der die Menschen Schutz gesucht hatten. Die Seestadt, Esgaroth, war ein Raub der Flammen geworden und sie konnten sich glücklich schätzen, hier wenigstens Mauern um sich und ein halbwegs dichtes Dach über sich zu haben.
Wie er es erwartet hatte, hatten die Zwerge den Drachen aufgescheucht, aber es waren die Menschen gewesen, die ihn getötet hatten. Einer von ihnen, um genau zu sein.
Thranduil war überrascht gewesen, in dem Drachentöter jenen Händler wiederzuerkennen, den er oft von einem der Fenster seiner Hallen aus beobachtet hatte. Der Mann war ihm aufgefallen, weil eine eigentümliche Ruhe ihn umgab. Er war zudem einer der wenigen, die mutig genug waren, nach wie vor durch den Eryn Lasgalen zu reisen und der sich den Spinnen entgegenstellte, wenn es sein musste.
Nun… eigentlich war er nicht wirklich überrascht, dass er es war der den Drachen getötet hatte. Der Blick des Mannes war ruhig, durchdringend und gelassen, auch wenn er ihn eben mit einer Thranduil beinahe amüsierenden Verblüffung angesehen hatte.
Er hatte eindeutig nicht damit gerechnet, dass ein ganzes Elbenheer vor seiner Tür stand. Dafür war er jedoch erstaunlich gefasst geblieben.
Ganz anders als der bisherige Meister der Stadt, ein fetter, schmieriger und eitler Pfau, für den Thranduil nichts als Verachtung übrig gehabt hatte. Dieser wäre wohl wahlweise vor Ehrfurcht ohnmächtig geworden, hätte sich ihm an den Hals geworfen oder wäre verzückt umhergesprungen. Keine der drei Möglichkeiten wäre etwas gewesen, das Thranduil hätte erleben wollen.
Aber er war neugierig auf diesen Mann gewesen, der so plötzlich das den Menschen drohende Schicksal gewendet hatte. Er war eine Unbekannte und Thranduil wusste gerne, mit wem er es zu tun hatte. Also war er hergekommen. Um den noch zu allen guten oder schlechten Möglichkeiten hin offenen Kontakt zu seinen Gunsten zu lenken, hatte er Vorräte und einige jener Dinge mitgebracht, die die Menschen würden brauchen können. Er wusste, in welchem Zustand die Ruinen der alten Stadt Dale waren. Dort gab es nicht mehr viel, was von Nutzen sein würde.
Es stimmte die Menschen den Elben gegenüber freundlich und sie vertrauten ihnen sofort. Das war es, was Thranduil hatte erreichen wollen. Mit den Zwergen ein Bündnis schließen zu wollen, war sinnlos. Zu groß waren die Diskrepanzen auf beiden Seiten. Die Menschen aber waren als Handelspartner vertraut und eine weitgehend berechenbare Variable. Er wusste, wie er sie würde zu seinem Vorteil lenken können.
Die einzige Unbekannte war der Drachentöter selbst.
Als Thranduil sein Heer und die Menschen hinter sich gelassen hatte, lenkte er den Hirsch zum See hinunter, wo er den Kadaver des Drachen gerade noch unter der Wasseroberfläche erkennen konnte. Er würde über den Sommer vergehen, wenn sich der See erwärmte.
Ein Schauer rann über seinen Rücken und er berührte abwesend mit den Fingerkuppen seine Wange. Erinnerungen an das Drachenfeuer drängten in sein Bewusstsein und er ließ sie zu, wohl wissend, dass sie ihn sonst in seinen Träumen heimsuchen würden.
Schließlich atmete er tief durch und drehte sich um. Er würde mit dem Drachentöter Verhandlungen führen müssen und Mithrandir hatte ebenfalls ein Gespräch gefordert.
Thranduil wusste um die theatralische Ader des Majar und er sah dem Gespräch nicht gerade mit Vorfreude entgegen. Besser er brachte es schnell hinter sich.
Er wendete den Hirsch und ritt im schnellen Tempo zu dem Zelt, dass inzwischen für ihn errichtet worden war.
Weder der Drachentöter noch der Majar waren bereits angekommen und so ließ sich Thranduil auf seinem Thron nieder und wartete. Es war eine kleinere, weniger prunkvolle Variante seines Thrones in den Hallen, aber dennoch opulent genug, um seine Besucher zu beeindrucken.
Er musste sich nicht lange gedulden. Wie erwartet zögerte Mithrandir nicht, die Zukunft in den schwärzesten Farben auszumalen und Thranduil sah, dass er den Menschen damit eindeutig beeindruckte. Um ihn abzulenken und ihn von dem Schreckenszenario abzulenken, dass der Majar mit dramatischen Worten zeichnete, seufzte er überdeutlich und warf dem Menschen einen gelangweilten Blick zu.
Mitrhandir lenkte die Aufmerksamkeit des Menschen sofort wieder auf sich und selbst Thranduil zuckte zusammen, als der Majar donnert: „Wir schweben alle in tödlicher Gefahr.“
„Wovon sprecht Ihr?“, fragte der Drachentöter… Bard war sein Name, erinnerte sich Thranduil.
Thranduil hatte genug. Er stand auf, bevor der Majar mehr sagen konnte. „Ich sehe, Ihr wisst nichts über Zauberer. Sie sind wie ein Gewitter im Winter, das man nur aus der Ferne hört und das doch nicht näher kommt. Und manchmal… ist ein Sturm nur ein Sturm.“ Er goss dem Menschen einen Kelch Wein ein und warf dem Majar einen warnenden Blick zu. Mithrandir ignorierte es. Stattdessen fuhr er damit fort, von Armeen von Orks zu sprechen, die angeblich auf dem Weg zu ihnen waren und von einem Anführer geleitet wurden.
Thranduil wusste um die Orks, die die Zwerge verfolgt hatten. Hierin hatte der Majar Recht. Aber ganze Armeen von ihnen? Das war zu unrealistisch, traten sie doch sonst nur in kleinen Gruppen auf und waren leicht zu bekämpfen.
„Warum sollte dieser unbekannte Feind sich gerade jetzt blicken lassen“, fragte Thranduil den Majar und bedachte ihn mit einem Blick, der deutlich machte, was er von seiner Rede hielt.
„Weil wir ihn dazu gezwungen haben. Die Zwerge hätte niemals den Erebor erreichen sollen.“
Der Majar schaute ihn eindringlich an und ging dann aus dem Zelt zu einer einst mit eleganten Bögen verzierten Terrasse, die den Blick auf den Erebor freigab. „Azog war ausgeschickt worden, sie zu töten. Sein Herr und Meister will diesen Ort kontrollieren. Es geht ihm nicht um den Berg oder um das Gold darin. Er geht ihm um die strategische Position dieses Ortes, als Tor zu den Ländern im Norden, als Tor zu Angmar. Wenn der Erebor fällt, dann fallen andere Königreiche mit ihm. Rivendell, Lórien, Shire sogar Gondor wird untergehen.“
Thranduil zögerte. Der Majar mochte Recht damit haben, dass ihnen allen eine große Armee drohte. Dennoch zögerte er ihm vorbehaltlos zu glauben. Mithrandir war zu berechnend, zu sehr darauf bedacht seine eigenen kleinen Schachzüge durchzuführen und er scherte sich nicht um das Blut anderer, das er dabei auf seinem Weg vergoss. „Diese Ork Armee, von der Ihr sprecht, wo ist sie?“, wollte Thranduil wissen.
Mithrandir konnte ihm keine Antwort geben.
Thranduil hatte genug gehört und kehrte ins Zelt zurück, wo er sich wieder auf seinem Thron niederließ. Er beobachtete Bard, der den Majar nachdenklich betrachtete. Wie es schien, war es ihm gelungen Zweifel zu säen. Angesichts der Lage, in der sie sich befanden, war das genug.
Mithrandir stürmte ebenfalls ins Zelt zurück. „Seit wann wird mein Rat so wenig beachtet? Was glaubt Ihr, was ich vorhabe?“, fragte er beinahe schon zornig und lief vor Thranduil auf und ab.
„Ihr wollt Eure Zwergenfreunde retten“, gab Thranduil unbeeindruckt zurück, „und ich sehe durchaus Eure Loyalität ihnen gegenüber, aber das wird mich nicht daran hindern, meine eigenen Ziele zu verfolgen.“ Er stand auf und blieb hinter dem Majar stehen. „Ihr habt das hier begonnen, Mithrandir. Vergebt mir, wenn ich es nun beende“, zischte er und wandte sich dann an einen der Wachposten.
„Sind die Bogenschützen in Stellung?“, verlangte er knapp zu wissen.
„Ja, mein Lord.“
„Gebt den Befehl! Was auch immer sich auf diesem Berg bewegen sollte: tötet es.“
Mithrandir schien in dem Drachentöter noch einem Hoffnungsschimmer zu sehen und versuchte in ihm Widerstand zu wecken. „Wollt Ihr das wirklich unterstützen? Ist das Gold so wichtig für Euch, dass Ihr es mit dem Blut der Zwerge erkaufen wollt?“
Der Mensch war vollkommen anderer Meinung und Thranduil hatte beinahe Mitleid mit ihm dafür, wie naiv er war.
Er wusste, wozu ein Zwerg fähig war, den die krankhafte Gier nach Gold gepackt hatte.
Eine kleine Gestalt lief auf sie zu und Mithrandir begrüßte den Halbling erfreut und eine Spur zu erleichtert. Also ging es dem Majar auch um ihn.
Thranduil kniff die Augen zusammen und lehnte sich in seinem Thron zurück, in den er sich wieder gesetzt hatte. „Ich nehme an, ich habe nun denjenigen vor mir, der meinem Kerkermeister die Schlüssel stahl“, sprach er die Vermutung aus, die sich ihm aufdrängte. Der Halbling hatte zumindest den Anstand zerknirscht zu sein. Dann aber fing er sich schnell wieder und Thranduils Atem stockte, als er ein Bündel auf einen Tisch legte und den Arkenstein enthüllte.
Das helle, mondlichtgleiche Leuchten des Steines zog Thranduil sofort in seinen Bann und er konnte sich gerade noch stoppen ihn zu berühren, als er den Blick des Drachentöters bemerkte, den ihm dieser aus den Augenwinkeln zuwarf. Zu seiner Überraschung schien der Mensch von dem Flüstern und Locken des Steines vollkommen unbeeindruckt zu sein und nur reine Bewunderung stand in seinen Augen.
Der Halbling bat in eindringlichen Worten um das Leben der Zwerge und bot ihnen den Stein als Unterpfand für eine Verhandlung am kommenden Morgen. Es war ein Ausweg und Thranduil musste zugeben, dass ihn der Halbling, der ihm gerade einmal bis zur Hüfte reichte, beeindruckte. Er hatte den Mut und die Tollkühnheit dieses unscheinbaren Persönchens unterschätzt.
Auch der Drachentöter schien beeindruckt zu sein und der Vorschlag, den ihnen der Halbling unterbreitete, war einen Versuch wert.
Thranduil wechselte einen Blick mit Bard und er sah, dass der Mensch ebenso verstand. Er wollte keinen Krieg, wollte kein Blutvergießen. Aber er brauchte das Gold um den Menschen von Dale über den Winter zu helfen und die Stadt neu aufzubauen. Thorin hatte es ihnen versprochen und sie hatten ihm geholfen in dem Glauben, nicht umsonst zu kämpfen.
Er selbst wollte das Geschmeide zurückerhalten, dass ihm vor so vielen Jahren verweigert worden war. Sie mussten zu einer Einigung kommen.
Mithrandir und der Halbling verließen das Zelt und Schweigen senkte sich über sie.
Der Mensch blieb bei dem Arkenstein stehen und strich behutsam über die glatte, schimmernde Oberfläche. Die Bewegung ließ Thranduils Atem stocken. Der Mensch wurde von dem Stein nicht beeinflusst, aber er sah dennoch die Schönheit darin und Thranduil wünschte sich mit einem Mal, die Hände des Mannes auf seiner Haut zu spüren.
Der Wunsch war schon vorher dagewesen, erkannte er plötzlich, während er die große, muskulöse Gestalt musterte. Der Wunsch schlummerte in ihm, seit er ihn von seinen Hallen aus beobachtet hatte. Dort war er unerreichbar für ihn gewesen, nun war er in seinem Zelt.
Thranduil stand auf und schlug das Tuch wieder um den Stein. Wenn seine Hand dabei die des Drachentöters streiftet, so mochte das ein Zufall sein. Dennoch sah der Mensch überrascht auf. Thranduil nahm den Stein an sich und bedeutete Bard ihm in einen Teil des Zeltes zu folgen, der weniger offen und von allen Seiten einsehbar war. Dort angekommen drehte er sich um und ließ die Zeltplane zufallen. Der Raum war mit einem Zauber belegt, so das kein Lichtschimmer und kein Laut nach außen drang.
Er hielt dem Menschen den eingewickelten Stein entgegen. „Nehmt Ihr ihn. Ihr habt schon einmal mit Thorin gesprochen und er weiß, dass Ihr keinen Kampf wollt, wohingegen er mir schon aus alter Feindschaft heraus misstraut.“
Bard nahm den Stein beinahe zögernd entgegen, hielt ihn aber so, dass er praktisch zwischen ihnen blieb. „Behaltet Ihr ihn und ich hole ihn morgen früh. Wer mag wissen, was in der Nacht noch geschieht“, gab er zu bedenken.
Thranduil nickte und deutete mit einer Kopfbewegung auf eine Truhe am Fußende seines Bettes.
Bard warf nur einen flüchtigen Blick darauf und Thranduil glaubte, ihn kurz ungläubig den Kopf schütteln zu sehen, dann klappte er den Deckel auf und legte den Stein auf die Gewänder, die dort sorgfältig verstaut waren. Es geschah ohne jedes Zögern.
Als er sich wieder aufrichtete, stand Thranduil dicht hinter ihm, so dass er gegen ihn stieß.
Bard hob eine Braue und musterte sein Gegenüber. Er war irritiert und schien nicht so ganz zu wissen, was er von der Situation halten sollte. Aber dies war auch schon während des Gespräches mit dem Majar nicht anders gewesen.
Thranduil hob eine Hand und ließ seine Fingerkuppen über die Wange des Menschen gleiten. Die Haut war erstaunlich weich, wohingegen das dem Elben unvertraute Barthaar rau und kraus war.
Bard schnappte hörbar nach Luft und trat einen Schritt zurück, musterte dabei den Elbenkönig aus zusammengekniffenen Augen. „Was soll das werden?“, fragte er scharf. „Eine besondere Art Bündnisse zu schließen?“
„Vielleicht?“, gab Thranduil zurück und trank von seinem Kelch, den er mitgebracht hatte. „Wenn Ihr interessiert seid.“
Die Blicke, die ihm der Mensch zugeworfen hatte, waren ihm nicht entgangen. Er wusste, dass nicht alle Männer der Menschen daran Gefallen fanden, bei anderen Männern zu liegen. Der Drachentöter schien jedoch nicht zu ihnen zu gehören. Er hatte die Bewunderung gesehen, das Aufflackern von Begehren, das Zögern angesichts der scheinbar unerreichbaren Frucht.
Thranduil nahm sich für gewöhnlich, was er haben wollte und er wollte den Menschen. Aber er brauchte ihn auch als Verbündeten und so beherrschte er sich. Der Mensch musste einverstanden sein. Andernfalls würde er sich gegen ihn wenden und dieses Risiko war zu groß.
Der direkte Weg war fehlgeschlagen, aber Thranduil dachte gar nicht daran aufzugeben. Er löste die Brosche, die seinen Umhang verschloss und ließ ihn von den Schultern gleiten. Darunter trug er eine eng anliegende Tunika. Er begann auch diese aufzuknöpfen, wobei er sich halb von dem Menschen abwandte. Er wollte ihn nicht zu sehr in die Ecke drängen.
Zu seiner Überraschung ging der Drachentöter an ihm vorbei und öffnete die Klappe, die den Zugang zu diesem Teil des Zeltes verschloss. „Das bin ich nicht“, sagte er ruhig und ging.
Thranduil sah ihm verblüfft nach.
Bard wusste immer weniger, was er von dem Elbenkönig halten sollte. Er ließ sich kaum anmerken was er dachte und wenn es in einem Moment so schien, als würde er den Kampf vermeiden wollen, so schien er im nächsten geradezu versessen darauf zu sein. Dass er die Zwerge nicht als ernstzunehmende Gegner erachtete, mochte dabei eine Rolle spielen.
Bard betrachtete die Reihen an Kriegern, die in ihren goldglänzenden Rüstungen an ihm vorbeimarschierten und vor dem Erebor Stellung bezogen. Die Sonne stand gerade im Begriff aufzugehen und ihre Strahlen ließen die Elbenkrieger geradezu aufleuchten. Wäre es nicht so ein grausamer Anlass gewesen, wäre der Anblick wunderschön gewesen. So aber schickte er ihm einen kalten Schauer über den Rücken.
Er hatte das Zelt des Elbenkönigs erreicht und trat ein, als einer der Wachen die Plane öffnete und ihn näherwinkte. Offenbar wurde er erwartet. Nun, sie hatten am Abend zuvor vereinbart, dass er den Stein holen würde.
Bard erstarrte, als die Zeltplane hinter ihm wieder herabfiel und wandte den Blick ab.
„Ihr bin hier um den Stein zu holen“, brachte er tonlos hervor, während sein Gesicht zu glühen begann. Ob aus Verlegenheit, aus Scham oder Wut vermochte er nicht zu sagen.
„Gesellt Euch zu mir… entspannt Euch. Noch haben wir Zeit genug“, hörte er die seidenweiche Stimme des Elbenkönigs. Unwillkürlich sah er zu ihm hinüber. Nein, die unbeteiligte Stimme hatte ihn nicht getäuscht. Die Szene vor ihm hatte sich nicht geändert.
Thranduil saß auf seinem Thron, gekleidet in einen weiten Mantel, der Bard an die Rinde von Birken denken ließ. Seine Hände ruhten auf den Armlehnen und die schweren Ringe funkelten im Kerzenlicht. Seine Beine waren gespreizt und dazwischen kniete ein Elbin… oder war es ein Elb? Bard hatte noch immer Schwierigkeiten damit, die androgynen Elben auf den ersten Blick einem Geschlecht zuzuordnen, vor allem dann, wenn er nur den Rücken sah.
Was sie… oder er… tat, war hingegen eindeutig. Die rhythmischen Bewegungen des Kopfes ließen keinen Raum für Spekulationen.
Thranduil sah ihn mit ruhiger Miene an. Nur in seinen Augen blitzte eine Mischung aus Erheiterung, Erregung und einer klaren Aufforderung.
Bard wusste, was Thranduil von ihm wollte. Aber er dachte gar nicht daran, ein Spielzeug des Elbenkönigs zu werden.
Nun, wenn Thranduil es so wollte, dann konnte er auch bleiben. Er zuckte betont gleichgültig mit den Schultern und schlenderte zum Tisch hinüber, auf dem eine Karaffe mit Wein bereit stand. Nachdem er sich einen Kelch voll eingeschenkt hatte, lehnte er sich mit lässig an den Knöcheln überkreuzten Beinen gegen den Tisch. An seinem Wein nippend, sah er dann dem Tun vor sich zu.
Ärger blitzte in Thranduils Augen auf, aber sonst ließ er nicht erkennen, was er dachte.
Bard regte sich nicht. Er wusste nicht recht, ob ihn der Anblick, der sich ihm bot, erregte oder abstieß. Sein Körper gab ihm eine eindeutige Antwort. Sein Verstand jedoch erkannte den Versuch, ihn zu manipulieren.
Die Bewegungen wurden schneller und für einen kurzen Moment schlossen sich die Augen des Elbenkönigs, unterbrachen damit den durchdringenden Blick der eisblauen Augen. Ein Schauer rann durch seinen Körper und die Hände griffen die Armlehnen fester.
Dann, nur einen Wimpernschlag später, schien Thranduil so unbeteiligt zu sein wie zuvor. Der Elb richtete sich ein wenig auf und wandte den Kopf zu Bard um, eine Frage in den Augen.
Es war eine Elbin, erkannte Bard nun.
Thranduil stand auf und seine Robe schloss sich dabei. Die Elbin wich hastig zurück, um ihm nicht im Weg zu sein. Er deutete mit einem süffisanten Lächeln auf den Thron. „Es heißt, auch Menschen wären dieser Art der Entspannung nicht abgeneigt.“
Bard stieß sich vom Tisch ab, leerte seinen Kelch mit einem Schluck und ging dann langsam auf Thranduil zu. „Heißt es das?“
Ohne auf den irritierten Blick des Elbenkönigs zu achten, legte er ihm eine Hand in den Nacken und zog seinen Kopf zu sich. Dann ließ er seinen Atem über die Lippen des Elben streichen ohne ihn tatsächlich zu berühren. Er spürte jedoch, wie dieser scharf einatmete.
Für Thranduil wäre es ein leichtes gewesen, sich aus dem Griff zu befreien. Er tat es nicht.
Bard ließ seine Lippen zu einem der empfindsamen Ohren gleiten. Mit leisem Triumph spürte er den Schauer, der durch den Elben rann, als er die Spitze mit der Zunge berührte.
Zwei konnten dieses Spiel spielen.
„Manipulativer Bastard“, raunte Bard gegen die Ohrmuschel. Dann ließ er Thranduil los, ergriff den in das Tuch eingewickelten Stein, der auf dem Tisch bereitlag und verließ das Zelt.
Draußen stürmte er durch die mit Schnee bedeckten Ruinen, bis er einige Gebäude zwischen sich und dem Elbenkönig gebracht hatte. Im Schatten einiger Mauerreste blieb er schließlich stehen. Sein Atem flog und er verfluchte seinen Körper, der vor Verlangen bebte. Er wollte den Elben, aber nicht als dessen Spielzeug.
Eine Stunde später ritten sie Seite an Seite zum Erebor, wo die Elbenkrieger bereits Stellung bezogen hatten. Thranduil ließ sich nichts anmerken. Mit keinem Blick, keiner Geste, keiner Bemerkung kam er auf das zurück, was kurz zuvor in seinem Zelt geschehen war.
Bard war es für den Moment nur Recht. Er braucht Thranduil. Als Verbündeten und, auch wenn er sich das nicht gerne eingestand, als Ratgeber. Die Menschen aus der zerstörten Seestadt hatten sich ihm zugewandt und zu ihrem Anführer gemacht. Sie standen hinter ihm, das wusste er, aber würde er vorangehen können?
Thranduil, mit seinen in Jahrtausenden gemachten Erfahrungen, konnte ihm nützlich sein. Aber nur, wenn er trotz des gestohlenen Kusses noch auf seiner Seite stand. Für den Moment tat er das noch, aber was war, wenn dieser Tag vorüber sein würde?
Bard erstarrte, als ein Pfeil zwischen den Beinen des Hirsches auf den Stein prallte. Thranduil schien davon wenig beeindruckt zu sein und zeigte nur mit einer Bewegung seines Kopfes den Zwergen, was folgen würde, sollte ein zweiter Pfeil abgeschossen werden.
Thranduil ließ sich nicht beirren. Bard hatte versucht, eine Lösung ohne Kampf zu erreichen und war gescheitert. Nun führte der Elbenkönig die Verhandlungen und er ließ Thorin ebenfalls die Wahl, sehr zur Überraschung Bards. Thranduil mochte ein Ziel haben und es gab etwas im Berg, das er haben wollte. Aber nicht um jeden Preis. Nicht für Blut. Sein Respekt vor dem Elbenkönig wuchs, während er ihn beobachtete und Zorn, aber auch Verachtung und Siegesgewissheit in den schönen Zügen sah.
Bard versuchte ebenfalls immer noch eine friedliche Lösung des Streites zu erwirken und für einen kurzen, hoffnungsvollen Moment, sah es so aus als würde der Zwerg nachgeben. Dann flog ein Rabe an ihnen vorbei und landete vor Thorin, während im gleichen Moment am Horizont ein Heer von Zwergen erschien. Thorin, durch die Ankunft seines Vetters nun nicht länger hoffnungslos unterlegen, wählte den Krieg.
Der Kampf begann und Thranduil führte die Elben gegen die neu hinzugekommenen Zwerge, schützte dabei die Menschen. Doch dann kamen die Orks hinzu und um die in den Dale zurückgebliebenen Frauen und Kinder zu retten, liefen die Menschen zu den Ruinen zurück.
Als Bard den Elbenkönig das nächste Mal sah, ritt er über die Brücke zu den Ruinen. Er kämpfte nun ebenfalls direkt gegen die Orks. Es war nur ein kurzer Augenblick, aber die geschmeidigen, schnellen Bewegungen, mit denen der Elbenkönig wie ein Berserker durch die Orks pflügte und eine Spur aus Blut und Toten hinter sich ließ, schienen so unwirklich zu sein, dass sie Bards Blicke auf sich zogen. Thranduil ritt auf seinem Hirsch. Das Tier war für sich allein schon eine Waffe, denn es wusste sein ausladendes und in spitze Stacheln auslaufendes Geweih ebenso totbringend einzusetzen, wie es die Schwerter seines Reiters waren.
Thranduil selbst bog sich wie ein Grashalm im Wind und ließ sich nicht aufhalten, gleich von welcher Seite auch die Gegner auf ihn einhieben.
Dann ritt er durch einen Torbogen und Bard sah gerade noch, wie der Elb mit einem Schwertstreich mehrere Orks köpfte, die im Geweih des Hirsches hingen.
Seine Aufmerksamkeit wurde wieder abgelenkt und er wurde erneut in die Kämpfe hineingezogen.
Dann, so heftig wie es begonnen hatte, war es vorbei.
Bard wollte nur Eines: nach seinen Kindern sehen und sie in Sicherheit wissen. Doch die Männer und Frauen suchten seinen Rat, forderten seine Anweisungen, seine Führung. Er tat, was er konnte.
Schließlich versammelten sich die Menschen. Ihre Trauer, ihr Schmerz klang mit den tiefen Tönen des Horns über den See hinweg hinüber zum Erebor.
Viele waren gefallen. Zu viele. Menschen, Elben, Zwerge. Bard hielt seine Töchter an sich gedrückt und spürte Bain, der sich ebenfalls an ihn schmiegte. Seinen Kindern war nichts passiert, sie lebten, waren unverwundet.
Thorin war gefallen, ebenso seine beiden Neffen.
Thranduil war ebenfalls unverletzt geblieben und wohl auch sein Sohn. Doch man sah ihn dem Lager der Elben den Rücken kehren und gen Osten reiten, fort vom Eryn Lasgalen. Bard wusste nicht, was das zu bedeuten hatte und es war nicht die Zeit, Fragen zu stellen.
Die Nacht brach herein, kalt und mit eisigem Wind, der noch mehr Schnee bringen würde.
Überall in den Ruinen flackerten Feuer auf und die Menschen begannen, zäh wie sie waren, sich mit dem wenigen was ihnen geblieben war einzurichten. Die Verwundeten waren in der großen Halle untergebracht worden und die, die der Heilkunst mächtig oder einfach nur Willens waren zu helfen, taten ihr Möglichstes.
Bard zögerte, doch schließlich suchte er die Halle auf. Die Menschen brauchten die Gewissheit, nicht allein zu sein. Sie brauchten jemanden, der vor ihnen herging und sie wollten, dass er das tat.
Es gab keinen anderen, den er hätte an seiner statt vorschlagen können, niemanden, der dazu bereit gewesen wäre.
Langsam schritt er zwischen den behelfsmäßigen Lagern hindurch. Er konnte sehen, dass seine Anwesenheit den Verwundeten Hoffnung gab. So wenig reichte schon dafür aus… seine bloße Anwesenheit.
Dann ging ein Raunen durch die Reihen und als er sich umwandte, sah er den Elbenkönig und einige Elben, die mit frischem Wasser, Verbandsmaterial, Kräutern und Tinkturen hereinkamen.
Thranduil erspähte ihn und kam auf ihn zu. Die Menschen zu seinen Füßen beachtete er nicht, schaffte es aber, keinem von ihnen zu nahe zu kommen.
„Man berichtete mir, dass es an Medikamenten und Verbänden fehlt“, sagte er knapp. Seine Augen waren leer und so grau wie der vereiste See. Schwarzes Blutspritzer ließen seine helle Haut bleich wirken.
Bard nickte knapp. „Eure Hilfe ist abermals willkommen. Ich danke Euch dafür. Wie ist es mit Euren… wie viele…?“ Er wagte es nicht auszusprechen. Er hatte die gefallenen Elben gesehen. Ihre goldglänzenden Rüstungen machten es zu einfach, sie von den Menschen, Zwergen und Orks zu unterscheiden, auch wenn auch ihr Blut rot war. Es färbte den Schnee ebenso, wie das der anderen Gefallenen. Bard wusste, dass es zu viele waren.
Thranduil senkte den Kopf und gab keine Antwort. Sein Haar fiel nach vorne und verbarg einen Teil seines Gesichtes, nur durch den breiten Stirnreif wurde es aus der Stirn gehalten.
Einen Moment lang verharrte er reglos, dann wandte er sich um und verließ den Raum. Einer seiner Begleiter trat an Bard heran und er erkannte die Elbin, die er im Zelt gesehen hatte.
„Wir bringen Kräuter und Tinkturen für die Wunden und frisches Wasser und Verbände. Morgen früh wird eine zweite Gruppe von Elben mit weiteren Vorräten an Nahrung eintreffen.
Die Elben hier sind alle in der Heilkunst bewandert. Wo wird ihre Hilfe am dringendsten gebraucht?“
Bard schluckte. Er hatte Mühe seine Verlegenheit zu überwinden und zu deutlich stand ihm die Szene vor Augen, die er vor nicht einmal einem halben Tag gesehen hatte.
„Fragt… fragt am besten Hilda.“ Er zeigte auf eine ältere Frau, die sich eben um einen Schnitt im Arm eines Mannes kümmerte. „Sie koordiniert die anderen hier“, fügte er etwas lahm hinzu.
Die Elbin nickte und wandte sich zu den anderen Elben um. Bard hörte zu, als sie ihnen in Sindar erklärte, was sie tun sollten. Er mochte diese weiche, fließende Sprache. Wann immer er Waren zu den Hallen des Elbenkönigs geliefert hatte, hatte er es genossen, wenn er die Elben hatte miteinander sprechen hören. Nun stellte er fest, dass es ihn beruhigte. Auch wenn er kein Wort verstand.
Die Elbin hatte sich wieder umgedreht und musterte ihn mit leicht schräg gelegtem Kopf. „Auf ein Wort“, bat sie dann und ging in eine etwas ruhigere Nische.
Bard folgte ihr, neugierig was sie ihm zu sagen hatte.
Als sie sicher war, dass ihnen niemand zuhörte, trat sie dichter an Bard heran. „Was Ihr im Zelt gesehen habt… ich tue dies freiwillig und es ist alles, was ich ihm gewähre. Er ist damit zufrieden und fordert niemals mehr. Auch wenn es vielleicht für Euch anders erschien… Aran nín ist…“, sie zögerte und schien nach Worten zu suchen, wich kurz seinem Blick aus. Als sie ihn wieder hob, waren ihre Züge ernst, aber auch traurig und voller Mitleid. Mitleid für den Elbenkönig, erkannte Bard.
„Er hat viel verloren und nur wenig ist ihm geblieben. Denkt nicht schlecht von ihm, das hat er nicht verdient.“
Damit drehte sie sich um und gesellte sich zu den anderen Elben.