Arda Fanfiction

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Das Phantom der Zitadelle

von Feael Silmarien

Ein romantisches Geheimnis

Unauffällig wie ein Schatten schlich Aelin aus der fröhlichen Menge und versteckte sich im Schatten einer Säule. Mochten sich die anderen ohne sie amüsieren, sie hatte keine Lust mehr, es war jedes Jahr dasselbe: Im ersten Frühlingsmonat kam der ganze Adel von Gondor und Rohan in Minas Tirith zusammen, um die Siege in Helms Klamm, auf den Pelennor-Feldern und am Morannon zu feiern. Und nicht zuletzt die Vernichtung des Einen Rings. Aber es war immer dasselbe: üppige Festmähler, Tänze und vor allem Eltern, die ihre Kinder möglichst gut verheiraten wollten.

Aelin hatte einerseits Glück, denn ihre Eltern, Faramir und Éowyn, drängten sie nicht zu einer Ehe. Andererseits aber hatte sie das Problem, dass ihre Schönheit sämtliche junge - und auch nicht mehr so junge - Edelleute anzog. In der Öffentlichkeit war sie immer von einer gewaltigen Männertraube umringt und hatte größte Schwierigkeiten, sich zu beherrschen und auf die schmeichelhaften Arien mit einem Lächeln zu reagieren, während sie ihre ganzen Verehrer am liebsten alle in die Kerker von Angband sperren würde.

Den einen, dem ihr Herz bereits gehörte, würden sie sowieso nie übertreffen können.

Den einen, von dem sie nicht einmal wusste, ob er überhaupt wirklich war. Er war ein Phantom, das ihr erstmals vor zwei Jahren für einige Augenblicke erschienen war. Doch diese wenigen Augenblicke waren so faszinierend gewesen, so fesselnd, so unvergesslich... Sie war sich nicht sicher, ob sie nicht geträumt hatte, so magisch war es gewesen, als sie, ein junges Mädchen von siebzehn Jahren, gelangweilt die tanzende Menge beobachtet und plötzlich einen schwarzen Schatten auf sich zugleiten gesehen hatte. Der Mann war ganz in schwarz gekleidet, mit einem weiten Umhang über der linken Schulter. Sein Gesicht hatte sie nicht ganz erkennen können, denn es war zu zwei Dritteln hinter einer Maske verborgen. Mit einer eleganten Verbeugung und einem geheimnisvollen Lächeln hatte das Phantom sie zum Tanz aufgefordert. Er war ganz anders als ihre gewöhnlichen Verehrer. Er überschüttete sie nicht mit Komplimenten, ja, er sprach nicht einmal mit ihr. Er hatte immer nur dieses fesselnde, lähmende Lächeln und seine geschickten Bewegungen. Hinter der Maske konnte sie nicht viel von seinen Augen erkennen, aber sie spürte stets seinen liebevoll lächelnden Blick. Und dann... Plötzlich war er verschwunden, scheinbar in Luft aufgelöst. Sie hätte keine Zweifel gehabt, dass sie es sich nur eingebildet hatte, wenn in einem Jahr nicht genau dasselbe passiert wäre. Ob das Phantom auch dieses Jahr mit ihr tanzen würde?.. Oder war es doch nur ein Trugbild gewesen?

Sie seufzte. Sie hatte niemandem von ihrer Liebe zum Phantom erzählt, nicht einmal vom Phantom selbst. Zum einen fürchtete sie, man würde sie wegen ihrer kindlichen Einfalt und Schwärmerei verspotten, zum anderen mochte sie es, ein solches mysteriöses Geheimnis voller Romantik zu haben. Es gehörte ihr, nur ihr, es war eine kleine Ecke, in die sie sich jederzeit zurückziehen und Trost finden konnte. Diese wenigen Momente der Liebe, die ihr das Phantom geschenkt hatte, waren ihr kostbarster Schatz.

"Holde Aelin", unterbrach plötzlich eine Stimme ihre glückliche Ruhe, "darf ich Euch zum Tanz auffordern?"

Sie wandte sich zum Sprecher um und erkannte Fréawine, einen entfernten Cousin von Elfwine, dem Thronfolger von Rohan. Der junge Mann aus Edoras gehörte zur besseren Hälfte ihrer Verehrer. Er war nicht etwa wie Malvegil, der ihre Ohren mit seinen oft ungeschickten und maßlos übertriebenen Schmeicheleien vollstopfte, und schon gar nicht wie der alte Gundor, der ihr die Hände mit seinen Küssen vollsabberte. Nein, Fréawine war ganz charmant und bemerkenswert hübsch. Aber er war nur einen Monat älter als sie. Nicht, dass sie auf das Alter besonders viel Wert legte, aber die ganz jungen Männer hatten ihr wenig zu bieten. Vom Charakter her kam sie nämlich ganz nach ihrem Vater, daher wollte sie jemanden, mit dem man ernsthaft reden konnte. Und solche Jünglinge wie Fréawine waren für sie eher Kinder als Erwachsene. Doch sie nahm seine Einladung trotzdem an, denn besser Fréawine als Gundor, der sie bereits anvisierte, wie sie gerade erschrocken feststellte.

Der junge Mann nahm ihre Hand und führte sie in die Menge, blieb nach einigen Schritten jedoch stehen und musterte sie besorgt. "Stimmt etwas nicht? Bitte um Vergebung, aber Ihr seht ein wenig blass aus..."

"Es ist nichts." Sie zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. "Ich bin nur ein wenig müde."

"Dann solltet Ihr Euch vielleicht besser ausruhen", meinte Fréawine und seine Besorgnis vermischte sich mit einer Prise Enttäuschung.

"Nein, nein", erwiderte Aelin beruhigend und blickte verstohlen zu Gundor. "Ein Tanz ist jetzt genau das Richtige für mich."

Doch Fréawine, der über ein gutes Beobachtungstalent verfügte, verkniff sich ein Lachen. "Ihr flieht vor einem ganz bestimmten Herrn in diesem Saal, nicht wahr?"

Plötzlich fand Aelin die Situation ebenfalls lustig und antwortete mit einem Glucksen: "Man könnte glauben, Ihr hättet die Gabe, Gedanken zu lesen."

"Dann erlaubt Ihr mir, Euch vor dem alten Herrn Gundor zu retten?"

"Ich wäre Euch sehr dankbar dafür."

Die nächsten drei Tänze über ließ sie sich von Fréawine vor Gundor und Malvegil bewahren, die wie zwei Raubvögel um die Tanzenden ungeduldige Runden zogen. Beim vierten Tanz hielt es Malvegil allerdings nicht mehr aus und kämpfte sich zu den beiden durch die Menschenmasse.

"Ich bitte höflichst um Vergebung, dass ich störe", sagte er mit einer Verbeugung. "Ich wollte nur fragen, ob die edle Dame für mich noch einen Tanz frei hätte."

Aelin presste sich ein Lächeln aufs Gesicht. Sie tanzte schon recht lange mit Fréawine, irgendwann war es an der Zeit, den Partner zu wechseln. Einen Tanz. Aber auch wirklich nur einen.

"Gerne, mein Herr", log sie mit bemüht höflicher Stimme, während sie ihn aus den tiefsten Abgründen ihres Herzens verdammte, und legte ihre Hand auf die seine.

Fréawine warf ihr noch einen aufmunternden Blick zu, ehe er eine andere Maid in der Nähe zum Tanz aufforderte.

"Habe ich schon erwähnt, dass dieses Kleid einfach perfekt zu Euren Augen passt?", begann Malvegil eine seiner endlosen Oden.

"Vielen Dank", antwortete sie knapp.

"Ihr seht darin aus wie eine Elbin", fuhr er fort. "Aber es liegt natürlich alles an den Augen. So grün wie Sonnenlicht, das durch junges Laub scheint. Nein, Aelin, ich schwöre Euch, Ihr seid kein Mensch. Ihr seid eine Waldelbin! Ein helles Lichtwesen, ein Stern zwischen dunklen Bäumen. Und wenn Ihr singt! Eure Stimme, so lieblich wie das Murmeln eines Bachs... Elbin? Nein, wie grob! Ihr seid eine Valie! Eine Göttin, neben deren Glanz selbst Elbereths Sterne verblassen! Wenn ich Euch ansehe, vergesse ich die ganze Welt, ich bin wie gelähmt, ich kann Euch nur anblicken und Euch bewundern. In manch einem Moment frage ich mich, wie etwas so Schönes in dieser Welt überhaupt existieren kann. Ich suche und suche nach einer Antwort, aber ich kann sie nirgends finden."

Er hielt kurz inne, um Luft zu holen. Aelin, die seinen Wortschwall zu ignorieren versucht hatte, nutzte die Atempause.

"Verzeiht, aber ich möchte kurz frische Luft schnappen", sagte sie, als sie sich von ihm abwandte und sich zum Ausgang begab. "Es ist ziemlich stickig hier."

Bevor Malvegil etwas erwidern konnte, flüchtete sie hinaus in den Garten der Zitadelle und ließ sich erschöpft auf eine der Steinbänke sinken. Der Winter war gerade erst vorüber gegangen und hatte eine kalte Frische in der Nachtluft hinterlassen. Sie fröstelte und schaute zurück zur warmen Halle, in der sich lauter dunkle Schatten bewegten. Durch die geöffnete Tür schwebte eine langsame Musik zu ihr herüber. Flöte und Harfe, eine liebliche Harmonie. Ähnlich wie das Gefühl, das sie beim Gedanken an das Phantom empfand. Sie seufzte. In den letzten beiden Jahren hatte er mit ihr getanzt. Doch dieses Mal war er ihr nicht erschienen. Und es war schon spät. Würde er überhaupt noch kommen? Oder war er wirklich nur ein Phantom?

Ihr Herz schmerzte bei diesem Gedanken. Nein, bitte nicht... Er war der einzige Grund dafür, dass sie in diesem Jahr überhaupt nach Minas Tirith mitgekommen war. Weil sie hoffte, ihn wiederzusehen, mit ihm einen weiteren Tanz zu teilen, in die unsichtbaren Augen hinter der Maske zu blicken...

Aber es war schon spät. Jetzt würde er bestimmt nicht mehr kommen.

Sie hatte ihren Kopf gesenkt und eine Träne drohte, aus ihrem Auge zu kullern.

"Ihr seht so niedergeschlagen aus, Aelin", flüsterte plötzlich eine sanfte Stimme in ihr Ohr.

Als sie seinen warmen Hauch auf ihrer Haut spürte, rann die Träne tatsächlich über ihre Wange. Vor Glück. Er war hier.

Rasch richtete sie sich auf und wirbelte herum. Er war es wirklich. Ein Schatten, der sich aus der Dunkelheit der Bäume herausgelöst hatte. Seine weiße Maske schimmerte gespensterhaft im Mondlicht. Er wirkte unheimlich, aber das war in den letzten beiden Jahren auch schon so gewesen. Das lange, pechschwarze Haar hatte er hinten elegant zusammengebunden, seine schöne Figur strahlte eine edle Abstammung aus. Er war groß, vielleicht sogar zu groß für sie, wie die alten Könige von Númenor.

Das Phantom lächelte sie zart an und mit einer angedeuteten Verbeugung streckte es ihr seine von einem schwarzen Lederhandschuh verhüllte Hand entgegen. Dankbarkeit, Freunde, Faszination... Alles vermischte sich in Aelins Kopf zu einem einzigen Traum. Mit einer anmutigen Bewegung legte sie ihre Finger auf seine Hand.

"Wenn Ihr schon erstmals zu mir gesprochen habt, würdet Ihr mir auch eine Frage beantworten?", bat sie.

Er neigte kaum merklich den Kopf und Aelins Herz, das bis jetzt nur diesen Moment liebevoller Stille genossen hatte, begann laut zu klopfen. Es war ein Schritt. Ein Schritt näher zu ihm, wenn sie jetzt ein Gespräch beginnen würde.

"Warum tragt Ihr diese Maske?"

Offenbar hatte er diese Frage bereits erwartet. Er schenkte ihr ein warmes Lächeln und sagte: "Nun... Wir alle tragen unsere Masken, nicht wahr?"

Sie senkte nachdenklich ihren Blick. Was mochten diese Worte bedeuten? Sie fand keine Antwort.

"Und was trage ich für eine Maske?", fragte sie schließlich.

"Schaut Euch an und Ihr werdet es sehen", erwiderte das Phantom geheimnisvoll.

"Ihr sprecht in Rätseln", sagte sie.

"Es mag sein."

"Helft Ihr mir, diese Rätsel zu lösen?"

"Schaut in den Spiegel und findet heraus, was er nicht preisgibt."

Aelin blieb stehen und blickte das Phantom verwirrt an.

"Tut es und Ihr werdet mich verstehen."

Er verbeugte sich zum Abschied und wandte sich zum Gehen.

"Wartet!", rief Aelin. "Wann werde ich Euch wiedersehen, um die Lösung zu sagen?"

"Sobald Ihr die Lösung habt", antwortete er lächelnd und verschwand in den Schatten.

Sie starrte verstört in die Dunkelheit, in der er sich gerade aufgelöst hatte. Was hatte das alles zu bedeuten? Sie ließ ihren Kopf sinken. Sie brauchte diese Lösung unbedingt... Aber wieso gab er ihr überhaupt diese Rätsel? Nachdenklich begab sie sich zurück in den Saal. Man vermisste sie bestimmt schon.

Doch als sie über die Schwelle trat, bot sich ihren Augen ein Anblick, der ihre Gedanken an das geheimnisvolle Phantom in den Hintergrund schob. In der Nähe standen ihr Vater, König Elessar und ein junger Mann in schwarz. Sie erkannte ihn. Es war Ancalimon, im Moment die beste Partie in ganz Gondor. Viele meinten sogar, er und Aelin würden ein ideales Paar abgeben, doch die beiden hatten sich bis jetzt nur auf Freundschaft beschränkt.

Aber dennoch konnte Aelin nicht leugnen, dass Ancalimon etwas ganz Besonderes war. Er strahlte eine merkwürdige, dunkle Schönheit aus durch seine meist schwarzen Gewänder, die sich elegant um seinen gut gebauten Körper schmiegten, und durch sein rabenschwarzes Haar. Seine grauen Augen jedoch wirkten manchmal ein wenig zu hell, sodass von ihm in solchen Augenblicken eine Art schaurige Kälte ausging, sonderbar und faszinierend. Tatsächlich glaubte sie, in ihm eine Ähnlichkeit mit dem Phantom zu sehen.

Er musste gerade aus Barad-dûr zurückgekehrt sein, wo er die Wache von Mordor leitete. Es war unglaublich: Ancalimon war erst einundzwanzig Jahre alt und übernahm bereits die verantwortungsvollsten Offiziersposten. Kein Wunder, dass er von allen Maiden angehimmelt wurde.

Der junge Mann spürte Aelins Blick, bedeutete ihr mit einer Geste, auf ihn zu warten, und eilte auf sie zu, nachdem er sich bei Elessar und Faramir entschuldigt hatte.

"Es freut mich, Euch wiederzusehen, Aelin", begrüßte er sie. Freundlich, nicht mehr. Er war vielleicht der einzige von den unvermählten Männern hier, der mit ihr wie mit einem normalen Menschen reden konnte, wofür sie ihm ausgesprochen dankbar war.

"Es freut mich auch", erwiderte sie höflich.

"Alles in Ordnung?", fragte er mit unvermutetem Ernst.

Sie starrte ihn an. Was hatte diese merkwürdige Frage zu bedeuten?

"Ich denke, schon..."

Ancalimon nickte.

"Wieso? Was ist denn?", wollte sie besorgt wissen.

"Schon gut, es ist nichts", erwiderte er und ging zurück zu den beiden Männern, die auf ihn warteten.

Aelin schaute ihm verständnislos nach, dann zu der Menge, die immer noch tanzte. Nein, sie wollte da nicht wieder hin. Sie war schon zu verwirrt für heute.

Möglichst unauffällig schlich sie aus dem Saal und dann zu dem Gebäude, in dem sich ihr Gemach befand.

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